Donau Sagen und Mythen

Vom Donauweibchen und dem Rattenfänger, Wassermännern und tropfenden Nixen.

Die Sagenwelt der Donau zwischen Melk und Wien.

Vor vierzig Jahren in einer Wiener Volksschule: Jedes Kind wusste damals, was Sagen sind. Eine Sage ist eine kurze Geschichte aus der meist sehr, sehr fernen Vergangenheit, die eine wunderbare, Angst einflößende, ganz und gar grausige oder aber zauberhafte regionale Begebenheit erzählt – und immer ist irgendwo ein winziger wahrer Kern darin. Welcher, das muss man selbst rausfinden. Heute kennt man eher die Griechische Sagenwelt erzählt von Michael Köhlmeier, dabei sind Sagen aus unserer nächsten Umgebung auch heute noch allgegenwärtig.

Je nachdem, wo man wohnt, hörte man als Volksschulkind in Österreich also von Erdgeistern, vom Tatzelwurm, von Irrlichtern und Nixen, von schwarzen Hunden, Geistern, Riesen, Wichteln oder Basilisken.  So habe auch ich es in der Schule gelernt. Ein seltsam geformter Stein, eine Flussbiegung, eine alte Eiche oder ein Bildstock… Wer unterwegs in Österreich in der Natur die Augen offen hält, trifft auch heute allerorten noch auf Zeichen und Wunder aus der Sagenwelt Österreichs. Auch und besonders an der Donau.

In den Regionen rund um die einstmals ja verzweigte und gar nicht regulierte oder gar schiffbare Donau sowie die vielen Donauzuflüsse ranken sich in Österreich besonders viele Stories, Verzeihung Sagen. Die bekanntesten Protagonisten sind hier wohl das Donauweibchen und der Rattenfänger, aber auch Richard Löwenherz mit Sänger Blondel – dazu kommen Unheil verkündende schwarze Hunde, Wassermänner und Nixen.

AH Wachau Bluete Duernstein Ruine CF208534 Andreas Hofer NÖ Werbung
(c) Fotocredit: AH_Wachau_Bluete_Duernstein_Ruine_CF208534 Andreas Hofer NÖ Werbung
Das Donauweibchen in der Wachau

Das sagen-hafte Donauweibchen taucht bei Dämmerlicht aus den Fluten auf: Bei ihrer Haarfarbe gehen die Meinungen auseinander, aber was man sicher weiß ist, dass sie natürlich wunderschön ist, schwebend, zauberhaft durchsichtig und immer mit ein paar pittoresken Wasserblumen am Kopf. Wie im echten Leben aber ist man auch bei dieser Frau uneins, ob sie nun Gutes oder Böses im Sinn hat. Manchmal hilft sie einem Fischer über die Donau, manchmal aber entführt sie Kinder in ihren unterirdischen Fünf Sterne Wellness-Wasserpalast. Sie tanzt gerne, also aufgepasst bei den sommerlichen Kirtagen zwischen Krems und Melk: Die Dame, deren Haare immer ein wenig nass sind und deren Kleid schon mal aus dem Rocksaum tröpfelt – die kommt nicht vom Pool, sondern geradewegs aus der Donau. Das Donauweibchen hat es 2019 auch in´s Theater geschafft: Nämlich zu den Wachaufestspielen in Weissenkirchen – Sagenfiguren, die bis heute noch in aller Munde sind.

(c) Fotocredit 1: Donaulandschaft heute – Angelika Mandler Saul
(c) Fotocredit 2: AH_Wachau_Bluete_Duernstein,Ruine_CF208423 Andreas Hofer NÖ Werbung 
(c) Fotoredit 3: Dürmstein – Angelika Mandler Saul
Richard Löwenherz und Sänger Blondel: Eine Story, die jeder kennt

Dass der englische König Löwenherz in Dürnstein in der Wachau gefangen gehalten wurde und von seinem feschen Gefolgsmann und Sänger Blondel mittels eines geträllerten Liedes gerettet wurde, das hört heutzutage jeder Wachautourist, ob am Rad, per Pedes oder am Schiff.

Als Sänger Blondel sich von England aus aufmachte, um die Burgen Deutschlands und Östereichs auf der Suche nach seinem gefangen genommmenen König Richard Löwenherz singend abzuklappern, war von Touristenmassen in Dürnstein noch nicht die Rede. Der Sage nach nämlich war es hier einst so still, dass ein Liedlein von Blondels Lippen weithin hörbar war und der König sich in seinem Verlies bemerkbar machen konnte. Heute ginge das Gesinge leider im Meer und Lärm des Touristenstroms unter – 1 Million Gäste im Touristenmagnet Dürnstein pro Jahr hätten heutzutage diese melodiöse Schnitzeljagd schnell vereitelt, möchte ich meinen. Dennoch haben wir heute noch was davon: Mit der immensen Lösegeldmenge konnte sich Wien neue Stadtmauern leisten und die noch heute existente Prägeanstalt „Münze Österreich“ gründen – und weil offenbardanach immer noch was übrig war, stampfte man mit dem kleinen feinen Rest auch noch Wiener Neustadt aus dem Erdboden.

„In der Not frisst der Teufel Fliegen“ – und er hasst die liebliche Wachau

Auch so ein Spruch, der im Wienerischen ein geflügeltes Wort ist. Warum der Teufel das tut (oder tat?), das kann man bei den Wiener Stadtführungen erfahren: Dort gibt es Führungen rund um die grusligsten Wiener Sagen, den Teufel in allen Varianten, das Spukhaus, die Pest in Wien sowie die Drachen und Basilisken, die einst in Wien ihr Unheil trieben.

Der Teufel konnte einst auch dem Wein in der Wachau nicht viel abgewinnen, zu lieblich war ihm das Tal und zu glücklich schienen die Menschen daselbst gewesen zu sein: Kein Wunder bei dem (auch heute noch) guten Tröpfchen, das dort wächst. Er wollte eine Mauer quer über die Donau errichten und so die wunderhübsche Wachau unter Wasser setzen. Nur wurde er bis zum ersten Hahnenschrei nicht fertig – bei Teufelswerk gab es immer schon gewisse Auflagen – und die morgendliche Flut riss sein Machwerk hinweg, nur ein Stück der Mauer, die Teufelsmauer, blieb stehen. Wer eine Flusskreuzfahrt mitmacht, wird unweigerlich von dieser Sage hören und die Mauer beim Vorbeischippern nahe Spitz an der Donau auch heute noch sehen. Übrigens wird heute ein Teil dieser Teufelsmauer als Tunnel befahren…

So ranken sich Sagen über das heute noch verehrte Melker Kreuz im Benediktinerkloster, das dort geheim unter Verschluss gehalten wird, den bösen Hund auf der Schallaburg, wo heute noch eine Büste „Hundefräulein“ genannt wird und auch in den dunklen Auwäldern hatte der Teufel oft seine Pfote im Spiel.

(c) Fotocredit 1: Sagenwanderung+am+Donausteig presse TV Donau Oberösterreich Monika Löff
(c) Fotocredit 2: Mitten in der Wachau an der Straße Richard Löwenherz und Sänger Blondel – Angelika Mandler Saul
(c) Fotocredit 3: Flusskreuzfahrt Wachau – Angelika Mandler
Die Auwälder – Teufel, Nixen, Wassermänner

Etwas weiter östlich der Wachau befinden sich heute noch rund um Korneuburg und Stockerau ausgedehnte Aulandschaften, die vor vielen hundert Jahren wohl ein undurchdringbares und oft Furcht einflößendes Dickicht gewesen sein mögen: Dass man es dort schnell mit der Angst zu tun bekommt, wird jeder verstehen, der sich heutzutage beim Hundegassi schon mal im dunklen Auwald der Donau-Auen verlaufen hat. Nur: Heutzutage sind Mensch und Hund mit dem GPS des Smartphones schnell wieder draußen, aber früher in der Sagenwelt, da verschwanden dort die Kinder reihenweise. Und wer sollte da seine Hände im Spiel haben, wenn nicht die Nixen und Wassermänner der nahen Donau?  Liegt doch auf der Hand!

Die Wassermänner haben nämlich überhaupt keine gute Lobby, die sind meistens in bösen Absichten unterwegs: Auch in der heute für die Greifvogelschau und die Kerkerkammer so bekannten Burg Kreuzenstein, die hoch über den Weinbergen im Weinviertel thront – dort lebte der Wassermann im Brunnen der Burg, ein modrig riechender Geselle mit Haaren auf den Zähnen, sprich Moos – der die Magd beim Wasserholen in seinen Wasserpalast zerrte.

Auch beim Schloss Niederweiden floss einst ein Donauarm vorbei: Zur Zeit des Wiener Kongresses wurden (Vergleiche zur Jetzt-Zeit sind durchaus angebracht)  zum Gaudium der hohen Gäste Hetzjagden, sogenannte Parforcejagden veranstaltet, bei dem die gejagten Tiere chancenlos blieben. Nicht alle Herrscher ergötzten sich an dieser Quälerei – Kaiser Franz und Kollege Alexander von Russland zogen gepflegte Konversation der Jagd vor und so kam es, dass sich ein Hirsch mit letzter Kraft über den Fluss zu den beiden hohen Herrschaften retten konnte und quasi um Asyl bat. So geschehen im Schlosspark von Niederweiden. Der Sage nach lebte der Hirsch noch sehr lange glücklich im schönen Schlosspark Niederweiden.

Rund um den Bisamberg, der einst an der Donau lag: Der Rattenfänger

Woher der Bisamberg bei Wien seinen Namen hat, auch das wusste zu meiner Zeit jedes Schulkind im Wiener Transdanubien. Weil das Wasser der unregulierten Donau in Hochwasserzeiten bedrohlich „bis am Berg“ stand. Auch dort war schon mal der Teufel unterwegs, auf der Suche nach armen Seelen, die vor den Naturgewalten Schutz suchten und ihre Seele gegen Hilfe eintauschten. So geschehen bei einer Steineiche am Fuße des Bisambergs. Solche Naturdenkmäler wie alte Eichen, Platanen und Linden, die oft steinalt sind, aber auch Marterln und Bildstöcke, die Sagen darstellen kann man heute sogar online in Datenbanken finden. Um viele davon ranken sich Sagen, Mythen und Märchen.

Nicht weit davon entfernt in Korneuburg. Dass dort einst ein Rattenfänger mit seinem Flötenspiel zuerst die Rattenplage eindämmte und ein Jahr später – ob des geringen Lohns – dann die Kinder mitlockte und die Eltern das Ganze zu spät „gecheckt“ hatten, auch die Story kennt hier jedes Volksschulkind. Noch heute befindet sich über dem Eingang des Korneuburger Pfarrheims ein geheimnisvoller Stein, der anzeigte, wie hoch die Massen an Ratten damals gestapelt gewesen sein sollen. Nun ja. Deutlicher erkennt man die Sagengestalt dann schon als  Rattenfängerbrunnen beim Rathaus. Und 1988 gab es sogar eine Sonderbriefmarke zu 13 Schilling – mit dem Rattenfänger als Motiv.

Sagen regen zum Nachdenken an – und sind nicht nur in Wien ein Teil der Stadtgeschichte. Manch einer sieht nach der Lektüre von alten Sagen aus Wien und Niederösterreich dann seine nächste Umgebung mit ganz anderen Augen: Etwa beim nächsten dämmrigen Spaziergang an der Donau – dort in der Au bei der großen knorrigen Eiche, die der Hund immer schon grundlos angeknurrt hat. Und was heute bei den Kids Einhörner und Meerjungfrauen sein mögen, das waren früher vielleicht die Wassermänner und Nixen, die stets aus dem Rocksaum tropften…

(c) Fotocredit 1: Donau Seitenarm – Zsolt und Kudich Nationalparks Austria Donauauen
(c) Fotoredit 2: ML_StiftMelk_1394_PRESSE Michael Liebert NÖ Werbung
(c) Fotocredit 3: Stift Melk 2019 (85) – Angelika Mandler