Donauzillenfahrt Kl(c)GudrunKrinzinger

Stromaufwärts - Stromabwärts

Stromaufwärts - Stromabwärts

Handel an der Donau

In der heutigen Zeit genügt oft ein Tastendruck am Computer und Produkte aus aller Herren Länder stehen wenige Tage – oft bereits nur nach Stunden – vor unserer Wohnungstür. Der Einkauf im Supermarkt soll ebenfalls schnell erledigt sein. Moment, habe ich nicht etwas Wichtiges vergessen? Ich eile zurück in den Gang mit den Gewürzen, eine Packung Salz landet wenig später in meinem Einkaufswagen.

Salz, das wohl wichtigste Gewürz, das Suppen, Vorspeisen, Fleisch, Gemüse, Brot und sogar Nachspeisen, und damit eigentlich alle Gerichte schmackhafter macht, ist heutzutage eine Selbstverständlichkeit.

Doch katapultieren wir uns einige Jahrhunderte zurück, machen wir eine Zeitreise. Damals, als es noch kein Internet, keine Supermärkte gab. Autos und Lastwägen sowieso nicht, weil Benzin unbekannt war. Wie kam damals das Salz in die Kochtöpfe der Leute?

Ulmer Schachtel Schild (c) Hans Braxmeier_pixabay
Ulmer Schachtel (c) Hans Braxmeier Pixabay
Beginnen wir unsere Zeitreise in Ulm

Wenn wir vor dem Ulmer Rathaus stehen und zum südlichen Giebel hinaufblicken, erkennen wir ein Schiff aus Holz mit flachen Boden und geraden Seitenwänden, die sogenannte Ulmer Schachtel. Charakteristisch für diesen Bootstyp ist eine schwarz-weiße Streifenbemalung.

Wurden noch im 12.Jahrhundert sowohl Waren als auch Personen mit dem Floß flussabwärts transportiert, forderte die Holzverknappung im 16.Jahrhundert eine neue Strategie. Die ersten Transportzillen, oder eben Ulmer Schachteln, entstanden. Mit einer Länge von 22 Metern und 3 Metern Breite boten sie genügend Platz für die verschiedensten Waren.

Neben Wein und Tuchwaren wurden Holz, Leder, Käse, Farbstoffe und Feuersteine mit den Ulmer Schachteln transportiert. Als früher Export-Schlager galten auch Weinbergschnecken („Austern der Armen“), die in Wien als Delikatesse gehandelt wurden.

Die Ulmer Schachtel ist auch unter dem Namen „Wiener Zille“ bekannt, denn Wien war der Zielort dieses Transportmittels. Ab dem Jahre 1712 trugen die Schiffe den Namen „Ordinari-Schiffe“. Ordinari bedeutet regelmäßig, es gab also zu diesem Zeitpunkt bereits einen fixen Fahrplan mit einem geregelten Tarifsystem.

Als Zeitreisende nehmen wir Platz in einer Ulmer Schachtel und reisen donauabwärts, wo wir in Regensburg aussteigen.

Ehem. Städt. Salzstadel, Regensburg
Ehem. Städt. Salzstadel, Regensburg
Der Salzhandel in Regensburg

Salz war seit jeher ein begehrtes und kostbares Handelsgut. Im Mittelalter wurde es sogar mit Gold aufgewogen, was ihm den Namen „Weißes Gold“ bescherte. In jenen Tagen galt Salz als wichtiges, wenn nicht sogar wichtigstes Konservierungsmittel. Das Würzen von Speisen konnten sich nur sehr reiche Personen leisten.

Wer mit Salz handelte, konnte somit mit satten Gewinnen rechnen. Im 16.Jahrhundert lag das Handelsmonopol für Salz bei den sogenannten Salzherren, bevor die Stadt Regensburg diesem Spiel ein Ende machte. Für kurze Zeit kam ihr zwar das Herzogtum Bayern in die Quere, doch im Jahr 1616 war es soweit und der heute noch sehr sehenswerte Salzstadel wurde erbaut.

Das Salz wurde damals in der Saline Reichenhall abgebaut, nach Passau gebracht und donauaufwärts verschifft. Diese Kraftanstrengung konnte nur mithilfe von Pferden bewerkstelligt werden. Bis zu 40 Pferde wurden den Schiffszügen vorgespannt und zogen die Fracht flussaufwärts. Die Pferde bewegten sich auf den Treidelpfaden, die in Österreich Treppelwege genannt werden.

Diese Pfade sind auch heute noch erhalten und bilden teilweise den allseits beliebten Donauradweg.

Wir steigen jedoch wieder in unsere Wiener Zille und lassen uns gemütlich auf der Donau Richtung Passau treiben.

PassauSchaiblingsturm(c)GudrunKrinzinger.jpg
PassauSchaiblingsturm(c)GudrunKrinzinger.jpg
Die Handelsstadt Passau

So wie in Regensburg galt auch in Passau der Spruch „Unser Salz, Gott erhalt‘s“. Denn Passau profitierte vom Niederlagsrecht, das besagte, dass jede Salzlieferung drei Tage lang zum Verkauf angeboten werden musste.

Dieses Niederlagsrecht oder Stapelrecht verhalf der Stadt zu bedeutendem Reichtum. Als steinerner Zeuge dieser glorreichen Zeit gilt der Schaiblingsturm, an dessen Ufern die kostbaren Frachten ab- und umgeladen wurden.

Als allerdings Böhmen unter die Herrschaft der Habsburger gelangte, wurden andere Seiten aufgezogen. Der Import des ausländischen Salzes wurde verboten, schließlich wollte man mit dem habsburgischen Salz aus dem Salzkammergut satte Gewinne erwirtschaften.

Nachdem wir die Sehenswürdigkeiten in Passau ausgiebig bewundert haben, steigen wir wieder in unsere Zille. Eine landschaftlich schöne Strecke steht uns bevor, allerdings auch eine besonders wilde.

Linz Hauptplatz Brunnen©linztourismus Johann Steininger 062016
Linz Hauptplatz Brunnen©linztourismus Johann Steininger 062016
Von Linz nach Wien

Wir begeben uns wieder auf unsere Ulmer Schachtel und müssen eng zusammenrücken, denn Waren über Waren stapeln sich an Deck. Linz ist unser nächstes Ziel und wenn nichts mehr dazwischenkommt, erreichen wir pünktlich zum Ostermarkt die Stadt.

In Linz kreuzen sich die Wege der Donau mit dem Säumerpfad, der von der Adria bis nach Böhmen und weiter zur Ostsee führte. Aus diesem Grund ließen die Babenberger einen einzigartigen Marktplatz errichten, der mit einer Gesamtfläche von 13.200 m² als größter umbauter Hauptplatz in die Geschichte Europas eingehen wird.

Neben dem bereits erwähnten Handelsgut Salz wechseln auch Eisen, Tierhäute, Tuch, Wein und Getreide die Besitzer. Noch mehr Waren landen in unserer Zille. Der nächste Stopp ist in Stein geplant.

Die Ortschaft Stein liegt zwar direkt an der Donau, der Platz für Handelsflächen zur damaligen Zeit war allerdings rar gesät. Krems verfügte wiederum über eine Burg und genügend Fläche für Handelsaktivitäten. So machte man aus der Not eine Tugend und arrangierte sich. Schiffe aller Größen werden um- und neubeladen. Krems wird wie Linz zu einer wichtigen Handelsstadt.

Und so wohlbekannte Produkte wie Kremser Senf, Wachauer Safran und Wein landen in den mit Pferden vorbespannten Treidelzügen, die donauaufwärts transportiert werden.

GreinBurg(c)GudrunKrinzinger
GreinBurg Kl(c)GudrunKrinzinger
Die wilde Donau

Die Donau war in frühen Zeiten alles andere als ein ruhiger, stiller Fluß. Es war ein wildes Gewässer mit Untiefen und gefürchteten Wasserstrudeln. Besonders die Gegend bei Grein war gefürchtet. Dieser Abschnitt galt lange Zeit als gefährlichste Schiffspassage.

Die Greiner Bürger konnten diesen Umstand für sich nutzen. Schließlich erlaubte das flache Ufer an einer Bucht die letztmögliche Anlandung der Schiffe vor diesen gefürchteten Strudeln (=Struden), die der Region Strudengau sogar ihren Namen gab. So wurden Lotsen an Bord genommen, die geschickt durch die Untiefen navigierten. Führte die Donau zu wenig Wasser, musste allerdings die gesamte Ladung abgeladen werden. Sie wurde über den Landweg zum nächsten Hafen transportiert.

Dieses „Service“ ließen sich die Greiner teuer bezahlen. Aber obwohl die Fahrten auf der Donau durch Mautgebühren, Stapelrechte und Monopole stark reglementiert war, kostengünstiger und sicherer als der Transport auf dem Landweg waren sie allemal.

Wien Ruprechtskirche© Bwag Commons
Wien Ruprechtskirche© Bwag Commons
Nach langer Reise kommen wir in Wien an

12 Tage hat unsere Reise von Ulm nach Wien gedauert und somit viel kürzer, als wenn wir in eine Kutsche eingestiegen wären. Direkt unterhalb der Rupertikirche landen wir an, heute wird diese Kirche Ruprechtskirche genannt. Der Heilige Rupert ist der Patron der Salzschiffer.

Als neugieriger Mensch blicke ich mich um und entdecke neben dem Salz noch weitere Waren wie Marmor, Pflastersteine und Dachschindeln. Ein Schiffsmeister erzählt mir, er hätte einmal zwei Löwen, einen Tiger, Pelikane und Affen für den kaiserlichen Zoo befördert. Soll ich ihm glauben? Es ist zusätzlich die Rede von teuren Burgunderweinen, Seide, Südfrüchte und Olivenöl, die für den Wiener Adel und die geistlichen Herren bestimmt sind.

Kisten mit Büchern werden ausgeladen, Federvieh wird in Körbe gestopft, mal riecht es gut, mal riecht es schlecht, je nachdem, an welchen Kisten und Schiffen wir vorbeilaufen.

Zurück in die Zukunft

Ein Fingerschnippen später befinden wir uns wieder im Jahr 2022. Vielleicht auf einem Ausflugsboot in Regensburg, Linz oder Wien, vielleicht auf einem Kreuzfahrtschiff irgendwo dazwischen. Wir fahren vorbei an geschichtsträchtigen Städten, an Burgen und Klöstern und freuen uns an den prächtigen Bauwerken, die ohne Salz und ohne Donau wohl niemals gebaut worden wären.

Auf diese Zeitreise hat sie Gudrun Krinzinger mitgenommen – www.reisebloggerin.at 

Transdanube Travel Story "Donauhandel": Der Austausch von Geschichten und Gütern

Im Zuge des INTERREG Projektes Transdanube Travel Stories wurde von Jörg Zenker aus Ulm eine der Narrative zum Thema Handel geschrieben, die hier kurz angeteasert ist:

Neben militärischen, kirchlichen und später auch touristischen Bewegungen war es immer der Handel, der sich an der Donau orientierte und diesen Raum belebte. Sowohl der Austausch von Gütern – ob aufgrund der vorhandenen Rohstoffe, die man an einem Ort fand und an anderen Orten verarbeiten konnte – wie auch bei der Entwicklung und Nutzung von Märkten wurde der Austausch, die Expansion von Firmen und die Verbindung von Menschen unterschiedlicher Herkunft – ob regional oder kulturell – gefördert. Die Donau ist einer der ältesten Handelswege Europas und gibt dadurch für länderübergreifende Geschichten, für Begegnungen und Erlebnisse besonders viel her. Ob Kaufmannsfamilien, die sich durch Heirat, durch firmenmäßige Verbindungen oder andere Kooperation über mehrere Länder ausdehnten, ob die unterschiedlichen Währungen und Zahlungssysteme, ob Handelsbräuche, kulinarische Unterschiede bis hin zu dunkleren Seiten wie Menschenhandel, organisierte Kriminalität im Bereich Drogen und Prostitution. Die Donau schreibt viele Geschichten – und oft sind sie geprägt von Gewitztheit, Raffsucht oder Schmuggelei, aber auch von ehrbarer Kaufmannschaft im alemannisch geprägten Ursprungsgebiet der Donau über eine Philosophie von „leben und leben lassen“ im katholisch/barock geprägten bayerisch-österreichischen Donauraum bis hin zur Basarmentalität, die man immer noch als Phänomen des Handels im Balkanraum wahrnimmt und als Tourist durchaus faszinierend findet.

Kaufleute haben Kulturen zusammengeführt und geprägt. Familien – in vielen Fällen auch jüdischen Ursprungs – haben über viele Generationen beeindruckende Häuser und Handelsimmobilien geschaffen, Kunst und Kultur gefördert. Kaufmannsdynastien im Stile der Buddenbroks kann man entlang der Donau nachverfolgen und oft war es nicht nur der Handel, sondern Liebe, Trennung, Erfolg und Misserfolg, die zu faszinierenden und da und dort auch dramatischen Familiengeschichten führten. Während heute zunehmend digitale Formen der Geschäftsanbahnung Platz greifen waren es in früheren Jahrhunderten Charme, Esprit, kulturelle und ethnische Eigenschaften oder auch ganz einfach die Magie des Reichtums, die Verbindungen schufen.

Handel manifestierte sich auch in Traditionen von Zusammenkünften – ob Märkte, Feste – mit kulinarischen oder kulturellen Hintergründen – bis zu politischen Versammlungen, ob der immerwährende Reichstag zu Regensburg oder der Wiener Kongress. Immer waren die Geschäftsleute im Umfeld mit dabei, um Verbindungen herzustellen und Verbindungen für neue Märkte auszuloten.

Die gesamte Geschichte finden Sie hier!

Zum Autor: Jörg Zenker ist ausgebildeter Gästeführer, Danube Guide und Autor und lebt in Ulm. Er leitet den Zenker Verlag

 

Krone Bunt Artikel 1.5.22_Donauhandel
Krone Bunt Donauhandel 1.5.2022