Die Pasettikarte ©Virgil Widrich OeNB

Von Karte & Kompass zu Navi, Apps & GPS - Die Donaukartografie im Laufe der Zeit

Die Donau vor der Regulierung: Eine Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek

 

Der Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien ist nicht nur eine höchst adäquate, sondern auch opulente Umrahmung für dieses sehenswerte Stück Donau-Geschichte:  Die sogenannte „Pasetti Karte“ als Reproduktion thront inzwischen der Bücher, Stuck und Marmor und betont so in pittoresker Umgebung ihre Wichtigkeit von einst: Auf 44 Metern Länge zeigt uns die Reproduktion der Schifffahrtskarte aus der Donaumonarchie, was die Donau einst war – als sie noch nicht reguliert war. Hofministerialbeamter Florian von Pasetti, seines Zeichens Hydrotechniker, hatte als Projektleiter auf Auftrag von Kaiser Franz Josef die Hälfte des Donaustroms, nämlich über 2.800 Kilometer zwischen Passau und dem späteren Eisernen Tor, nachhaltig dokumentiert und kartografisch aufbereitet.

Die Pasettikarte ©Virgil Widrich OeNB

Erstmals in der Geschichte der Donaukartografie dokumentiert diese Fluss Karte des Beamten und Fachmanns von Pasetti auch die hydrografischen Gegebenheiten der Donau, es wurde also der Flussboden und dessen Beschaffenheit ebenso vermessen und aufgezeichnet wie der Flusslauf und die landschaftlichen Gegebenheiten – die Karte sollte eine verbindliche Grundlage für die bevorstehenden Regulierungsarbeiten liefern. Und ein wenig Marketing für die bevorstehenden Bauarbeiten….

Schon Anfang des 18. Jahrhunderts hatte man daran gedacht, die Gefahren, die eine Schifffahrt auf der Donau mit sich brachte, durch eine Regulierung des Stroms unter Kontrolle zu kriegen. Diese Pläne scheiterten an der fehlenden Finanzierung. Dennoch: Die Donau war für die Reichshauptstadt Wien die wichtigste Versorgungsader – ihre Schiffbarkeit hatte also unter Kaiser Franz Josef schließlich allerhöchste Priorität.

Die Pasetti Karte: Aufwändige Kartografie und der wilde, unregulierte Donaustrom von einst

Die „Schifffahrts-Karte der Donau im Bereiche des Österreichischen Kaiserstaates“ nun also, die in den Jahren ab 1857 immer wieder erweitert wurde, war endlich eine Meisterleistung und gilt als Großwerk der Kartografie. Vor über 150 Jahren brauchte es schließlich ganze 54 Karten mit insgesamt 36 Metern Länge, um den Flusslauf im Habsburgerreich abzubilden. Der Maßstab: 1:28.800.

10 Länder durchfließt die Donau heute. Die Schau in der Österreichischen Nationalbibliothek wird flankiert Bildern von „mobilen Schiffsbrücken“, historischen Objekten und anderen Kunstwerken, die allesamt die Bedeutung der Donau von einst widerspiegeln: Die Donau ist und war Kulturgut, Grenze („Limes“), Transportweg, Naturlandschaft, Lebensraum und Wirtschaftsfaktor. Das hat sich seit Pasettis Zeiten nicht verändert. Aber so, wie wir sie auf diesem monströsen und akribischen Kartenwerk heute vor Augen haben, so ist die Donau längst nicht mehr. Damals voller Felsen, Stromschnellen und ungeahnter Gefahren wie Eisstöße und Hochwasser, heute reguliert, verbaut, gezähmt und unter ständiger Kontrolle ihrer Pegel.

Die Pasettikarte ©Virgil Widrich OeNB
Ausschnitt aus der Pasettikarte ©OeNB
Bagger zur Donauregulierung ©OeNB

 

1870 wurde der Spatenstich für die Donauregulierung im Großraum Wien gelegt – die Pasetti Karte gibt uns einen Überblick über die damalige Ausgangslage. Sie ist eine Erinnerung an die Zeit vor den Kraftwerken, Regulierungen, Radwegen, Hochwasserschutz und Staustufen – als sich am Fuße des Leopoldsberg noch eine wildromantische Aulandschaft befand und die Porzellangasse im 9. Bezirk schon mal unter Wasser stand.

Wenn wir heute in der Österreichischen Nationalbibliothek vor diesem Konvolut an Karten stehen, dann wissen wir eines ganz genau: So wie die Donau zu Pasettis Zeiten und lange davor war, wild und ursprünglich und vor allem ungezähmt – so wird sie wohl nie wieder werden.

Briefe, Berichte & Bilder oder Google Maps, Routenplaner und Apps

Historische Reiseführer, Bilderserien und briefliche Reiseberichte von einst geben uns einen Einblick in die Donaugeschichte. Heute jedoch sind unsere Eindrücke dominiert von Blogstories und Online-Reiseführer, Routenplanern, Navigationstools und Social Media Apps für unterwegs. Auch für die Ausstellung in der ÖNB kommt uns die Digitalisierung zu Hilfe. Die Originalkarten von Pasetti wurden digitalisiert und etwas vergrößert. Im Original war das Kartenwerk ein kompliziert gefaltetes Konvolut, für uns ist es heute lesbarer gemacht und „eingeebnet reproduziert“, sodass wir die meterlange Rekonstruktion nur noch gemütlich abschreiten müssen, lesen und studieren können – auf Augenhöhe und aufbereitet.

Die alten Bildersammlungen, Lithographien und Reiseberichte zeigen in der Ausstellung immer wieder eindrücklich, wie kompliziert früher die Schifffahrt auf der Donau (und anderswo) von statten ging. Ein gewisser Adolph Kunike gab ab 1820 in vier Auflagen bereits ein „Mappenwerk“ heraus, das in Lithographien (u.a. von Jakob Alt) den Lauf der Donau in 264 Ansichten darstellte: Einige davon kann man ebenfalls in der aktuellen Ausstellung der ÖNB begutachten. Alle Bilder können online durchgeblättert werden – ebenso sind einzelne Patenschaften für die Bilder möglich: Mit einer solchen Spende kann die Restaurierung weiterer Kunstwerke sichergestellt werden.

Furten, Fähren und fliegende Brücken

Heute sind die Fähren in der Wachau für uns ein touristisches Highlight auf der Radtour, fliegende Brücken gibt es nicht mehr und bei unseren Badepontons und Flussterrassen hätte man wohl vor 150 Jahren entschieden und vor allem entsetzt abgewunken: Viel zu gefährlich, sich freiwillig so nah zur Donau zu begeben! Nur zu oft geht uns wohl heutzutage auch die Distanz zu diesen manchmal verborgenen, aber auch offensichtlichen Gefahren verloren: Zu sehr verlassen wir uns auf unsere „tools“ und „apps“, unser Smartphone, unsere „Erfahrungen“ aus Facebook Gruppen, das allzeit bereite Navi und das GPS. Der Hochwasserschutz in der Wachau etwa beim Schloss Schönbühel Aggsbach mag manchen nicht gefallen, aber er ist lebenswichtig.

Die “neuen Karten“ unserer Zeit heißen etwa Komoot, Strava, Google Maps – sie gaukeln uns eine Sicherheit vor, die wir allerdings auch im 21. Jahrhundert niemals für selbstverständlich nehmen sollten. Weder beim Wandern, Bootfahren, Schwimmen, noch bei einem „Wir gehen Hochwasser schauen“ Spaziergang. Wer nie gelernt hat, eine Wanderkarte mit Höhenlinien zu lesen, der wird auch bei Komoot Benutzung Steigungen oder Flussläufe übersehen und sich auf das unüberschaubare Angebot von „online-Karten“ nur zu gerne verlassen. Das kann fatal sein. Der gesunde Menschenverstand und die eigenen Augen – das sind wichtige „Tools“, die die Kartografen von einst vor allem zu nutzen wussten, wie mir scheint. Zusätzlich zu ihrem Wissen, ihren Erfahrungen und den langjährigen Studien. Solches Wissen können Google Maps und Smartphone Apps niemals ersetzen: So schön die animierten Fotos und dreidimensional dargestellten Touren auch sein mögen… Die Donau ist niemals berechenbar, so sehr uns das die digitale Welt, die Apps und GPS Tools oder Navigationsgeräte auch einreden wollen.

Tipp für eine Genussradltour, den nächsten Spaziergang oder Gassi-Walk mit dem Vierbeiner an der Donau: Denken wir doch einmal daran, wie beschwerlich hier vor 150 Jahren noch die Boote flussaufwärts von Pferden am Treppelweg retour gezogen wurden. Wenn sie nicht ohnehin nur eine Fahrt überstanden hatten und nach Ankunft längst zu Sperrholz gemacht worden waren. Wer in Kritzendorf im Pop-Up Restaurant direkt am Treppelweg sitzt und Thai-Food genießt: Wie sah die Landschaft hier vor 200 Jahren aus? Wild und ungebändigt und vor allem gefährlich.

Und wenn wir bei einer Bootspartie mit der DDSG heute bei einem gepflegten Glas auf der Sonnenterrasse den Strom einfach mal mit den Augen jener Menschen sehen, die einst regelmäßig ihr Leben aufs Spiel setzten, weil sie die Gefahren der Donau weder kannten oder einschätzen noch auch nur ansatzweise vorausplanen konnten?

Quellen:

  • Donau. Menschen, Schätze & Kulturen. Ausstellungskatalog Schallaburg
  • Online Archiv der ÖNB, Pressemeldungen
  • Fotos: Archiv der ÖNB