Tu felix Austria nube © Vaclav Brozik

Von Kinderhochzeiten und Machtpolitk bis P(r)unk und Gloria: Heiraten mit Kalkül

Heiratspolitik und Politisches Kalkül an der Donau: Tu Felix Austria, nube!

Im Frühling vor 500 Jahren – also 1521 – fand der Reichstag zu Worms statt: Kaiser Karl V. hatte ihn einberufen, ein riesiges „Event“ würde man heute sagen, bei dem es in der Stadt tatsächlich auch hoch herging. Sowohl die etwa 10.000 Gäste und als auch die Einheimischen (damals etwa 7.000) feierten währenddessen Tag und Nacht und man ignorierte die Fastenzeit sowie die meisten ansonsten wohl gelittenen „guten Sitten“ geflissentlich. Ein Höhepunkt währenddessen für die pro-lutherischen Einwohner war wohl auch Martin Luthers Zusammenkunft mit Kaiser Karl V.

Nebstbei ging es aber auch um interne Beratungen zwischen den Brüdern Karl und Ferdinand. So besprach man sich beim Reichstag von Worms über eine geeignete Location für eine dringend notwendige Hochzeit – und zwar nicht irgendeine. Sondern eine jener, die weitreichenden Folgen für die Entwicklung der Habsburgermonarchie für mehrere hundert Jahre haben sollte.

Schon bei der „Wiener Doppelhochzeit“ 1515 hatte der damalige Kaiser Maximilian I. vorsorglich – aber gewissermaßen als Stellvertreter für einen späteren, ihm adäquat erscheinenden  Bräutigam unter seinen Enkeln – Anna Jagiello von Ungarn und Böhmen geheiratet, damals immerhin schon 12 Jahre alt und aus Buda stammend.

Tu felix Austria nube © Vaclav Brozik

Kinderhochzeiten waren nämlich im politischen Kalkül der Machthaber ein gängiges Mittel, um ihre Machtverteilung und -ausweitung langfristig zu planen.  10-Jährige (oder noch jüngere) Kinder vor dem Traualtar waren also ein durchaus gewohntes Bild. In den folgenden drei Generationen wurde durch solch arrangierte Hochzeiten der Grundstein für die Macht der Habsburger in Europa gelegt.

Enkel Karl V. schließlich führte das Ansinnen dann aus, in dem er diese nämliche Anna aus Buda seinem Bruder, dem späteren Kaiser Ferdinand I. zur Frau gab. Und eben dieses Ereignis wurde von den Brüdern in Worms geplant: Als sie die Location für diese geschichtsträchtige Hochzeit diskutierten, unterschieden sie sich vielleicht nicht allzuviel von heutigen Hochzeitsplanern. Der Ort der Hochzeit sollte nämlich strategisch, logistisch und anreisetechnisch gut erreichbar sein, denn die Gäste kamen aus allen Himmelsrichtungen. Linz, Wels oder Innsbruck als Location – so fragte man sich damals. Es wurde die Linzer Hochzeit, die die Macht der Habsburger einmal mehr und für viele Jahrhunderte stärken sollte.

Hochzeits-Inszenierungen Einst und Jetzt

Losensteiner Turnier © Wikipedia

Heute wäre einer großen Hochzeit wohl „nur“ monatelange Planung vorausgegangen, damals waren es tatsächlich jedoch jahrelange diplomatische Schachzüge gewesen, deren Fäden schon Maximilian I. in der Hand gehalten hatte.  Linz zog schließlich das große Los, weil es schon vor 500 Jahren eine hochaktive und vielbesuchte, „Messe-Stadt“ war, verkehrsgünstig auch vom Wasserwege erreichbar und relativ sicher lag.

Linz wurde also Schauplatz der besagten „Linzer Hochzeit“, die der Bräutigam direkt von Worms aus quasi diretissima in Angriff zu nehmen hatte: In Regensburg stieg man natürlich auf das Schiff um – Anna wiederum reiste aus Innsbruck nach Passau an und schiffte sich dort ein. Destination: Die Linzer Hochzeit am 26. Mai 1521 in der Stadtpfarrkirche zu Linz. Zur Belustigung der Massen wurde aus Anlass der Hochzeit mitten in Linz auf dem Stadtplatz das „Losensteiner Turnier“ abgehalten, ein Event, das großes Aufsehen erregte: Ein spanischer Grande forderte den Einheimischen Sebastian von Losenstein zum Kampf auf – der Turnierplatz war zum Bersten gefüllt mit Schaulustigen.

Die Ehe wurde für damalige Zeiten und in Anbetracht des politischen Kalküls überraschend glücklich. Als Annas Bruder Ludwig II. bei der legendären Schlacht bei Mohács starb, machte dies Annas Mann zum König von Böhmen und Ungarn – der Grundstein für 400 Jahre Habsburger Herrschaft in Böhmen und Ungarn war gelegt. Auch wenn dazwischen noch die Osmanen ihre Ansprüche auf Ungarn (und mittels zwei Türkenbelagerungen auch auf Wien) geltend machten, das Recht der Habsburger auf die Krone wurde danach von den ungarischen Ständen nolens volens akzeptiert.  Die Ungarn sagen angeblich heute noch bei Unglücksfällen (oder was sie dafür halten): „Több is veszett Mohácsnál“ ( –„Mehr ging bei Mohács verloren“) – ein Trauma für sie also auch heute noch.

Wer hätte gedacht, dass diese weitreichende politische Entwicklung in Linz an der Donau seinen Ausgang genommen hatte?

Hochzeit, Ehe und Machtpolitik der Habsburger

Heiratspolitische Ränkespiele waren bis zur Entstehung von Nationalstaaten Ende des 18. Jahrhunderts selbstverständlich. Frauen fungierten als begehrtes Handelsgut, Kleinkinder wurden verscherbelt und sogar schon Säuglinge am Heiratsmarkt gehandelt. Teils ergaben sich abstoßende innerfamiliäre Ränkespiele, die man heute einfach auch nur „Inzucht“ nennen würde. Ethische Bedenken oder gar Angst vor Erbkrankheiten kam niemandem in den Sinn.

Groteske Ausprägungen waren etwa die durchaus übliche „Trauung der Procurationem“ (ein Vertreter des gerade nicht anwesenden Bräutigams springt in der Hochzeitsnacht ein) oder seltsam anmutende rituelle Potenztests an Jungfrauen. Die Hochzeit per Procurationem war gerade Maximilian I. bei allen seinen drei am Reißbrett entworfenen Vermählungen ein willkommenes „Tool“ – er machte jedes Mal Gebrauch davon, um seine strategischen Planungen auch trotz seiner Abwesenheit durchziehen zu können.

Auch Kaiser Franz Josef wurde ja mit seiner direkten Cousine Elisabeth von Bayern verheiratet. Dass er in Ischl richtiggehend verkuppelt werden sollte, nämlich zunächst mit seiner Cousine Néné und zudem noch ganz offiziell von der Kaiserin-Mutter und deren Schwester – niemand stieß sich daran, wenn es darum ging, passende Alliancen zu schließen. Im Gegenteil: Als seine Wahl auf die jüngere Schwester gefallen war, war man zwar zunächst seitens der Kupplerinnen „not amused“, aber Cousine ist Cousine: Elisabeths Brautfahrt über die Donau Richtung Wien glich einem Triumphzug zu Wasser und zu Land, quer durch alle Bevölkerungsschichten war man von der jungen Kaiserin in spe (zunächst) begeistert. Die innerfamiliäre nahe Beziehung der beiden Brautleute wurde sogar eher romantisiert als kritisiert.

Anna und Ferdinand, Sisi und Franz Josef: Trotz der arrangierten Ehen waren die Beziehungen von Zuneigung geprägt, eine Ausnahme bei den geschickten Habsburg´schen Hochzeitsplanungen.

Blaublütiger Hochzeitsp(r)unk anno 1980 und heute

So kann es also beim „Hoch-Zeiten“ laufen, wenn man Ferdinand und Anna heißt und man das Jahr 1521 schreibt.  Schauplatz-Wechsel, gute 450 Jahre später – wieder an der Donau.

31. Mai 1980 im Stammschloss Emmeram der Thurn und Thaxis bei Regensburg: Es herrscht Mediengetöse, Rummel, neuzeitlicher Prunk und reichlich TamTam rund um eine moderne Adels-Märchenhochzeit. Ein uraltes Adelsgeschlecht, die Haute Volée Mitteleuropas und ganz viel blaues Blut: Eine gewisse Mariae Gloria Fer(di)nanda Joachima Josephine Wilhelmine Huberta Gräfin von Schönburg-Glauchau heiratet unter großem, internationalem Medieninteresse Johannes Baptista de Jesus Maria Louis Miguel Friedrich Bonifazius Lamoral Prinz von Thurn und Taxis. Natürlich geht eine solche Vermählung nicht im kleinen, stillen Rahmen vor sich, sondern mit Pomp und goldener Kutsche, mit Valentino Designerkleid und einem glitzernden Diadem für die zwanzigjährige Braut.

Damals vor 500 Jahren wie auch noch 1980 haben dynastische Gründe und nachfolgetechnische Überlegungen eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt. Auch dem neuzeitlichen Bräutigam Fürst Johannes dürfte es um einen Stammhalter gegangen sein – dem Vernehmen nach konsultierte er selbst vor der Verlobung den Stammbaum und die Familiengeschichte der späteren Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Der Stammbaum hielt offenbar, was er versprach und auch der Fürst bekam durch die Heirat, was er sich wünschte: Drei Kinder – zwei Prinzessinnen und ein Fürst – gingen auf das Konto der Heirat.

Heute noch verwaltet Fürstin Gloria das Vermögen ihres 10 Jahre nach Eheschließung verstorbenen Mannes und hat Repräsentationspflichten für die Familie Thurn und Taxis. Ihre teils schrillen (Punk) Outfits der frühen Jahre hat sie längst abgelegt: Unternehmertum war und ist gefragt bei einem solchen Familienunternehmen.

Hochzeit Thurn und Taxis @ Welt.de DPA

Wem übrigens der Sinn danach steht, der kann online eine Autogrammkarte von Fürstin Gloria bestellen, ganz einfach über die (übrigens ganz aktuelle und gut gestaltete) Website derer von Thurn und Taxis.

Auch die letzte Habsburg´sche Hochzeit der Neuzeit liegt übrigens gar nicht lange zurück: Eleonora von Habsburg, die Tochter von Francesca und Karl Habsburg-Lothringen (Enkel des letzten Kaisers Österreichs, Kaiser Karl – dem Großneffen von Kaiser Franz Josef) ehelichte 2020 einen Bürgerlichen. In Pandemie-Zeiten wurde auch sie von Hochzeitsterminproblemen nicht verschont. Der Adel von heute kämpft zumindest organisationstechnisch mit Problemen, die auch wir Nicht-Blaublütler heutzutage haben.

Weiterlesen: Ein Ja mit Noblesse, Hochzeiten an der Straße der Kaiser und Könige, inkl. Heiratstipps an der Donau in Oberösterreich.

Schloss St. Emmeram Ballsaal © Thurn und Taxis

Quellen:

  • Gala.de
  • Wikipedia.org
  • Gerhard Tötschinger: „Die Donau“, Amalthea Verlag 2013
  • Habsburger.net
  • Vogue.de
  • Bunte.de
  • Michael Weithmann: „Straße der Kaiser und Könige“, Grebennikov 2021
  • Spektrum.de
  • „Donau. Menschen, Schätze und Kulturen“, Ausstellungskatalog Schallaburg 2020
  • Burglosenstein.at
  • Austria-forum.org